Frauenpower am Tanasee
Nachhaltige Jobs und Kreislaufwirtschaft für Mensch und Natur






Der NABU unterstützt nachhaltige Jobs und Naturschutzmaßnahmen am Tanasee - Foto: Bruno D'Amicis
„Der Tanasee ist Teil meines Lebens“, diese Antwort erhalten wir immer wieder, wenn wir Menschen, die im Tana-Einzugsgebiet zu Hause sind, fragen: Was bedeutet dir der See? Es ist auch die Antwort von Selam Desta und Amasaya Getahun. Die beiden Frauen setzen sich gemeinsam mit NABU Ethiopia für die Natur an dem größten Süßwassersee Äthiopiens ein.
Der Tanasee: Idylle mit Rissen

Das Einzugsgebiet des Tanasees ist Lebensraum für viele Wildtierarten, zum Beispiel Nilpferde - Foto: Bruno D'Amicis
Die ausgedehnten Feuchtgebiete und Zuflüsse des Tanasees bilden die Hälfte der Süßwasserressourcen Äthiopiens. Sie sind die Lebensgrundlage für mehr als 200 Millionen Menschen in Äthiopien, Ägypten und dem Sudan. Bald werden wieder Kraniche in den umliegenden Feuchtwiesen rasten, und wer geduldig ist, kann in der Dämmerung Nilpferde durchs Wasser gleiten sehen, während am Ufer ein Familienfest gefeiert wird. Das Leben der Menschen richtet sich am See aus.
Doch die vermeintliche Idylle hat Risse. Das weiß auch die Äthiopierin Selam Desta. Sie lebt 50 Kilometer nördlich des Seeufers in Gondar, einer Stadt in der amharischen Gebirgsregion. Die größten Bedrohungen für den Tanasee und sein Einzugsgebiet sind die Ausbreitung der Wasserhyazinthe, das Einleiten von Abfällen und Flüssigkeiten in den See sowie die Entwicklung neuer Infrastruktur, vor allem Gebäude entlang der Ufer. „Durch die Wasserhyazinthe und Umweltverschmutzungen haben wir deutlich weniger Fische im See“, so Amasaya Getahun. Auch sie lebt in Gondar.
Da natürliche Wälder im Einzugsgebiet gerodet werden und die Abfall- und Abwasserwirtschaft bisher wenig reguliert ist, sinkt zudem die Menge des Wassers im See und die Wasserqualität leidet.
Leben und Überleben: Recycling-Jobs für Frauen vor Ort

Gelebte Kreislaufwirtschaft: Selam Desta im Lager des Recyclingzentrums in Gondar, aus Altpapier macht sie Aktenordner - Foto: T. Mengistu
Seit Neuestem tragen Desta und Getahun ihren Teil zum Überleben des Tanasees bei. Desta hat einen Management-Bachelor in der Tasche, war jedoch wie so viele in der Region länger ohne Anstellung. Heute leitet sie das neue Papier-Recyclingzentrum in Gondar. Auch Getahun arbeitet hier, sie ist Destas Stellvertreterin und eine von 20 Mitarbeitenden.
Das Zentrum konnte 2022 im Rahmen des von NABU Ethiopia koordinierten Projekts „Water for Life“ eröffnet werden. Es wird im aktuellen Projekt „Lake Tana Alliance“ weitergeführt. Desta und Getahun lernten in Schulungen, wie Altpapier recycelt, weiterverarbeitet und nachhaltig vermarktet werden kann.
Gondar: Paradebeispiel für Kreislaufwirtschaft
„Das Sammeln und Verarbeiten von Abfall aus der Region trägt dazu bei, die Umwelt vor Verschmutzung zu schützen und die natürlichen Ressourcen des Tanasees und der Stadt Gondar zu erhalten“, erklärt Desta und führt uns zu ihrem Arbeitsplatz. Es geht vorbei an Säcken prallgefüllt mit hellgrünen und blassrosa Papierüberresten. Ein paar zerschlissene Kartons stehen in der Ecke.
Das Altpapier stammt von Partnern in Gondar, benachbarten Krankenhäusern und Büros. Es wird von den Mitarbeitenden mit Wasser vermengt, gepresst und getrocknet. Am Ende stellen Desta, Getahun und ihre Kolleg*innen Tortenunterlagen und Aktenordner her. Cafés in Gondar gehören zu ihren wichtigsten Kund*innen. „Wir planen, auch bald Eierkartons ins Programm aufzunehmen“, sagt Getahun.
Nachhaltige Arbeitsplätze am Tanasee

In gutem ökologischem Zustand und befreit von der invasiven Wasserhyazinthe: Diese Zukunftsvision haben Desta und Getahun vom Tanasee - Foto: Philipp Schütz
Ein Schlüssel, um das Wassereinzugsgebiet am Tanasee und die biologische Vielfalt langfristig zu schützen, sind nachhaltige Jobs. „Menschen mit wenig oder keinem Einkommen haben oft keine andere Wahl, als in der Region etwa Wald- und Papyrusbestände an den Ufern zu roden und das Holz und die Pflanzen zu verkaufen“, sagt Beatriz Waldmann, NABU-Projektmanagerin „Lake Tana Alliance“. Geht es den Menschen besser, profitiert das gesamte Ökosystem.
Am Nordufer des Tanasees sind Arbeitsplätze wie die im Papier-Recyclingzentrum wichtiger denn je. In der Region Amhara kommt es seit August 2023 zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften der Bundesregierung und lokalen Milizen. Es sind die Nachwirkungen des bewaffneten Tigray-Konflikts, unter denen die Menschen in der Region immer noch leiden. So musste die Produktion zurückgefahren werden: „Aufgrund der bestehenden Sicherheitsprobleme in Gondar und in der Region werden derzeit durchschnittlich nur rund 3.000 Kilogramm pro Monat Altpapier gesammelt und verarbeitet“, erklärt Selamawit Fikru, Finanzexpertin bei NABU Ethiopia. Im Normalbetrieb wären es mindestens dreimal so viele.
Doch der Wille und das Engagement der Frauen in Gondar sind ungebrochen. „Ich hoffe, dass wir hier noch mehr als 100 neue Stellen schaffen können“, sagt Desta. Der Grundstein dafür ist gelegt, die Nachfrage nach den Produkten hoch. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht: Erst kürzlich habe sie bei einer Hochzeitsfeier zufällig eine ihrer Tortenunterlagen am Büfett entdeckt. „Und im Regierungsbüro schätzen sie die Qualität unserer Aktenordner, auch im Vergleich zu denen, die aus Addis Abeba importiert werden.“ Die Produkte des Papier-Recyclingzentrums kommen an und sind im Umlauf. Am Tanasee wird lokale Kreislaufwirtschaft gelebt.
Laura-Sophia Koschwitz (aus Naturschutz heute 3/24)
Seit 2019 vernetzt NABU Ethiopia im Rahmen einer Multi-Akteurs-Partnerschaft (MAP) alle wichtigen regionalen Akteure aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und öffentlichen Institutionen im Wassereinzugsgebiet des Tanasees. Ziel ist es, den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern, wichtige Ökosystemfunktionen zu erhalten und nachhaltige Jobs zu schaffen. Das neue Recyclingzentrum ist ein Ergebnis der MAP-Arbeitsgruppe „Aus Müll Einkommen generieren“. Das Projekt wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert.
Weitere Informationen zur Lake Tana Alliance finden Sie hier.
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